>Und doch war es so, er liebte sie nicht, und ihr war es gleichgültig.
Es war ihr gleichgültig, weil auch sie ihn nicht liebte.
Sie liebte ihn nicht, und darum konnte nichts von all seinen Worten und Taten sie mehr schmerzen.
Sie legte sich aufs Bett und rückte den Kopf müde auf dem Kissen zurecht.
Vergeblich wehrte sie sich gegen den Gedanken, vergeblich sagte sie sich:
„Aber ich liebe ihn doch, ich habe ihn Jahre und Jahre geliebt. Liebe kann doch nicht in einem Augenblick zur Gleichgültigkeit werden!“
Aber Liebe konnte sich wandeln und hatte es getan.
„Er war von jeher überhaupt nur in meiner Einbildung vorhanden“, dachte sie matt.
„Ich habe etwas geliebt, was ich mir zurechtgemacht habe, was von vornherein tot war …
Ein schönes Gewand habe ich gemacht und mich darein verliebt.
Als er daher geritten kam, ein hübscher Junge, nur ganz, ganz anders, da habe ich ihm das Gewand angezogen und es ihn seither tragen lassen, ob es ihm passte oder nicht.
Wie er in Wirklichkeit war, das habe ich nie gesehen.
Die ganze Zeit hindurch habe ich das schöne Gewand geliebt, ihn aber nicht.“
Und nun musste sie über die Jahre zurückblicken und sah sich in dem grüngeblümten Barchentkleid im Sonnenschein auf stehen, hingerissen von dem jungen Reiter und seinem blonden Haar, das in der Sonne glänzte wie ein silberner Helm.
Jetzt erkannte sie deutlich, dass es eigentlich nur eine Kinderlaune von ihr war, so unerheblich wie die Aquamarin-Ohrringe, die sie als verwöhntes kleines Mädchen ihrem Vater abgeschmeichelt hatte.
Sobald sie sie besaß, war ihr Wert dahin …<
Auszug aus Vom Winde verweht von Margaret Mitchell
Vor 1 1/2 Jahren habe ich genau nach dieser Antwort gesucht.